Grundsatzprogramm des DAV, OeAV und AVS

Das Grundsatzprogramm des DAV, OeAV und AVS ist heute aktueller denn je:

  1. Ganzheitliches Naturverständnis fördern und kulturelles Erbe bewahren

    Vor dem Hintergrund der großen ökologischen Probleme des Alpenraumes erachten es die Alpenvereine für unerlässlich, die nachhaltige Sicherung aller Lebensgrundlagen und die Bewahrung der kulturellen Eigenständigkeit als die zentrale Herausforderung unserer Zeit zu begreifen, ganzheitliches Naturverständnis zu fördern sowie aktiv an der Bewältigung der Probleme mitzuarbeiten.
    Die Alpenvereine müssen Anwälte der alpinen Natur- und Kulturlandschaft sein und jene Lücken füllen, die der staatliche Natur- und Umweltschutz offen lässt. Ganzheitlicher Umweltschutz setzt das Erkennen der Einheit von Ökologie, Kultur und Ökonomie zwingend voraus. Komplexe Systeme verlangen vernetztes Denken und nicht eindimensionale Strategien. Das gilt besonders für den Alpenraum.

  2. Grundfunktionen des Alpenraumes nachhaltig sichern
    Dem Alpenraum kommen im Wesentlichen drei Grundfunktionen zu:

      • Lebens- und Wirtschaftsraum für die einheimische Bevölkerung,
      • Erholungsraum von europäischer Bedeutung,
      • größter, noch relativ intakter ökologischer Ausgleichsraum in Mitteleuropa.

    Die langfristige Sicherung der drei Grundfunktionen erfordert die konsequente Beachtung des Prinzips der Nachhaltigkeit unter Wahrung des Vorranges für die Interessen der ortsansässigen Bevölkerung. Das bedeutet einen sparsamen Umgang mit allen Rohstoffen: Sie dürfen nur in einem Maß genutzt werden, welches gewährleistet, dass sie auch künftig in gleichem Umfang und in gleicher Qualität zur Verfügung stehen.

  3. Natürliche Lebensgrundlagen wiederherstellen
    Zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen im Alpenraum müssen Luft, Boden, Wasser, Tier- und Pflanzenwelt vor Beeinträchtigungen und zerstörenden Eingriffen geschützt und in ihrer Funktion, ihrem Bestand und ihrem Zusammenwirken wiederhergestellt werden. Dazu ist auf natur- und umweltverträgliche Wirtschaftsformen umzusteigen. Alle Nutzungsformen sind künftig unter dem Aspekt ihrer Umweltverträglichkeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen, den Erfordernissen einer sozialverträglichen Entwicklung gemäß zu modifizieren und in besonders bedrohten Gebieten erforderlichenfalls ganz zu untersagen.

  4. Entwicklungsspielraum der einheimischen Bevölkerung erhalten
    In dem überaus knappen Kernraum der ebenen Flächen lebt der überwiegende Teil der Bevölkerung, wird der Großteil der Arbeitsplätze angeboten, liegt die Mehrzahl der Verkehrswege; er stellt das weitaus wichtigste Produktionsgebiet für die Landwirtschaft dar und hat eine bedeutende Funktion als Erholungsraum. Seit einigen Jahrzehnten wird dieses Kerngebiet als Transitraum mit Verkehr überfrachtet. Außerdem nutzen die angrenzenden europäischen Zentren die Alpenregion verstärkt zur Trinkwasserversorgung und Energiegewinnung. Diese fremdbestimmten Nutzungsformen kollidieren mit den Interessen der einheimischen Bevölkerung. Deshalb muss bei der Formulierung der Entwicklungsziele für den Alpenraum den Interessen der einheimischen Bevölkerung künftig Vorrang vor den Ansprüchen der europäischen Zentren eingeräumt werden.

  5. Erschließungstätigkeit beenden
    Die Alpen sind das am stärksten erschlossene Hochgebirge der Welt. Da Maßnahmen, die nur auf eine technisch-wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet sind, den Lebensraum Alpen langfristig gefährden, kann die Neuerschließung bisher unberührter Landschaften nicht mehr hingenommen werden. In bereits erschlossenen Gebieten darf die Errichtung weiterer Anlagen zu touristischen Zwecken nur der Qualitätssteigerung und nicht der Kapazitätserhöhung dienen; der Erschließungsautomatismus der touristischen Wachstumsspirale muss unbedingt gestoppt werden. Alle erheblichen Eingriffe im alpinen Raum sind einer Umwelt- bzw. Raumverträglichkeitsprüfung zu unterziehen. Auch bereits bestehende Einrichtungen und Anlagen sind auf ihre Raumverträglichkeit hin zu überprüfen; Unverträglichkeiten sind durch Rückbau zu beheben. Für den alpinen, nicht dauernd besiedelten Raum ist ein Schutzgebietssystem zu entwickeln, welches sicherstellt, dass diese Gebiete auch in Zukunft in naturnahem Zustand erhalten bleiben.

  6. Ökologisch verträgliche Tourismusformen fördern
    Um den Bedürfnissen der Erholungssuchenden einerseits und den Erfordernissen einer umwelt- und sozialverträglichen Entwicklung andererseits Rechnung zu tragen, schlagen die Alpenvereine vor, für strukturschwache Regionen Impulse zur Förderung ökologisch orientierter Tourismusformen zu geben. Dieser Tourismus respektiert die kulturelle Eigenständigkeit der Alpenregion, unterstützt den Erhalt der Berglandwirtschaft und verzichtet auf energieintensive Freizeitaktivitäten. Ergänzend dazu sind in den touristischen Zentren Maßnahmen zum ökologischen Umbau zu ergreifen. Dazu zählen Konzepte zur Verkehrsberuhigung oder Besucherlenkung ebenso wie die Sanierung von Umweltschäden oder der Rückbau unverträglicher Anlagen.

  7. Konsens zwischen Naturschutz und Erholung anstreben
    Die Verstädterung, die Bewegungsarmut, die Zunahme der Freizeit bei steigendem Einkommen und höherer Mobilität führen zu einer stärkeren Nachfrage nach Erholung und Sport in der freien Natur. Unbestritten sind der pädagogische Wert des Bergsteigens sowie seine Bedeutung für die Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der geistigen Schaffenskraft. Darüber hinaus ist Naturerfahrung unerlässliche Voraussetzung für naturschützerisches Engagement: Nur was der Mensch kennt und liebt, wird er auch schützen. Das freie Betretungsrecht der Landschaft muss deshalb auch künftigen Generationen garantiert sein. Es darf nur dann Beschränkungen unterliegen, wenn dies zum Erhalt gefährdeter Biotope und Lebensräume unerlässlich ist. In diesen Gebieten muss dem Naturschutz Vorrang eingeräumt werden vor den Ansprüchen der Erholungssuchenden.

  8. Erholungssuchende zu umweltgerechtem Verhalten anleiten
    Die Alpenvereine betrachten es als ihre Aufgabe, bei allen Erholungssuchenden das Verständnis für die ökologischen Zusammenhänge der Alpenregion zu mehren und sie zu umweltgerechtem Verhalten aufzurufen. Dazu dienen Ausbildungs- und Jugendarbeit und Aufklärungskampagnen. Der einzelne kann durch rücksichtsvolles Benehmen mithelfen, Schäden an Boden, Wasser, Flora und Fauna zu vermeiden. Für die verschiedenen Bergsportarten erarbeiten die Alpenvereine Vorschläge für Verhaltensregeln, die der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aus Gründen des Arten- und Biotopschutzes sollen künftig bevorzugt ökologisch verträgliche Sportarten und Freizeitaktivitäten gefördert werden; keinesfalls dürfen die Alpen als bloße Kulisse für die immer vielfältigeren Abenteuersportarten betrachtet werden.

  9. Eigene Umweltschutzaktivitäten intensivieren
    Die Alpenvereine bekennen sich zum ganzheitlichen Natur- und Umweltschutz. Sie sind überall gefordert, wo Natur gefährdet ist. Die Sektionen der Alpenvereine betreuen in den Alpen und in den Mittelgebirgen Arbeitsgebiete und werden hier im Sinne des Grundsatzprogramms tätig. Der Grundbesitz der Alpenvereine und seiner Sektionen darf in gegebenen Fällen nicht zur Disposition stehen, sondern muss eine Funktion als Sperrgrundstück haben. Die Sektionen der Alpenvereine sind darüber hinaus aufgerufen, auch an ihren Heimatorten Umweltschutzarbeit zu leisten und in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und Initiativen zur Sensibilisierung der Bevölkerung beizutragen.

  10. Länderübergreifende Zusammenarbeit verstärken
    Die Alpenvereine haben im Grundsatzprogramm aus ihrer Sicht die Leitlinien für die künftige Entwicklung und Sicherung des Alpengebietes formuliert. Sie rufen alle betroffenen Staaten auf, für ihren Alpenanteil umweltrelevante Entwicklungsziele rechtsverbindlich festzulegen, diese konsequent zu realisieren und ihre raumplanerischen Maßnahmen mehr als bisher auf ökologische Erfordernisse abzustimmen, anstatt sie vorrangig an ökonomischen Kriterien auszurichten. Neben einer Ideensammlung und Umsetzung ökologischer Konzepte in einem föderalistischen Wettbewerb ist dazu eine Intensivierung der länderübergreifenden Zusammenarbeit aller Verantwortlichen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden notwendige Voraussetzung.

 

 

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